Makedonien des 19-20 Jahrhunderts: Mythos und Wirklichkeit. Kein ‘makedonisches Volk’ in zeitgenössischen Ethnographischen Karten.

 

Χάρτης Εθνολογικός Ethnological Map by Sax (1877) LegendeEine detaillierte Aufstellung der Balkan Völker nach Carl Sax (1877):
Serbokroaten, Bulgaren, Helenen, SkipetarenTürken, Keine Spur von ‘Makedonier’

 

Ingrid KRETSCHMER

Institut für Geographie und Regionalforschung

Kartographie und Geoinformation

Universität Wien

Die Bilder sind unsere Auswahl (Yauna),
 und nicht im Text enthalten

 

 

FRÜHE ETHNOGRAPHISCHE KARTEN

SÜDOSTEUROPAS AUS WIEN



Die k.k. Geographische Gesellschaft in Wien und die Balkanforschung.

Im Herbst des Jahres 1856 konstituierte sich in Wien die k.k. Geographische Gesellschaft,die daher im Jahr 2006 als Österreichische Geographische Gesellschaft ihre 150 Jahr-Feier begeht. Sie ist die achtälteste Geographische Gesellschaft der Welt.

Diese Gesellschaft war zum Zeitpunkt ihrer Gründung die einzige im damaligen Österreichischen Kaiserstaat,nach dem Ausgleich 1867 entstand aber schon 1872 die Ungarische Geographische Gesellschaft in Budapest.

Schon bei ihrer Gründung am 4. November 1856 vereinte die k.k. Geographische Gesellschaft in Wien unter ihren 222 Gründungsmitgliedern neben vielen Freunden der Geographie und Kartographie bedeutende Persönlichkeiten und Naturwissenschaftler des Gesamtstaates, insbesondere auch Mitglieder der 1847 gegründeten kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und der 1849 gegründeten k.k Geologischen Reichsanstalt.

Die Zahl der Mitglieder stieg rasch an und erreichte Mitte der 1860er Jahre einen ersten Höhepunkt. Ab 1857 verfolgte die Geographische Gesellschaft in Wien ferner das Ziel, durch die Ernennung von Ehrenmitgliedern sowohl Förderung als auch internationale Bekanntheit zu gewinnen.

Förderung und Zuwendungen erhoffte man sich von Mitgliedern des Kaiserhauses, die ab Ende der 1860er Jahre auch eintrafen.Die wissenschaftliche Bedeutung der Gesellschaft stieg mit der Annahme der Ehrenmitgliedschaft durch die anerkanntesten Gelehrten der Zeit, wie beispielsweise Alexander von HUMBOLDT (1769–1859, Berlin), Edme Francois JOMARD (1777–1862, Paris), Ferdinand-Marie de LESSEPS (1805–1894, Paris), Karl RITTER (1779–1859, Berlin) oder Friedrich Georg Wilhelm STRUVE (1793–1864, Pulkowa/Russland).

Unter den frühen Ehrenmitgliedern der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien befand sich seit 1857 auch der in Wien lebende Naturforscher Ami BOUÉ (1794–1881), der auch Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften war.

Obwohl laut Statuten die k.k. Geographische Gesellschaft in Wien keine Fachgesellschaft im engeren Sinn darstellte, sondern allgemein die Verbreitung geographischer Kenntnisse verfolgte, bildeten die führenden Gelehrten als deren Mitglieder bald einen inneren Kern und wandten ihre Aufmerksamkeit speziellen Forschungsfragen zu. Zu diesen zählten in den ersten 50 Jahren des Bestehens der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien folgende Schwerpunkte.

In Übersee: 
1) das Nordpolargebiet und 
2) Afrika,

in Europa: 

1) die Alpen und
2) Südosteuropa.

 

Über alle Unternehmungen wurde in der seit 1857 erscheinenden Zeitschrift „Mittheilungen der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien” (seit 1959 „Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft”) nicht nur laufend berichtet, sondern darin sind auch die Forschungsergebnisse vorgestellt.


Wenden wir uns nun den seit den 1860er Jahren erzielten Fortschritten in der geographischen Erforschung Südosteuropas zu, an denen Mitglieder der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien Anteil haben.

Tatsache ist, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts die nördliche Balkanhalbinsel und insbesondere die Donau-Ufergebiete – damals politisch zum Osmanischen Reich gehörend – geographisch weit gehend unerforscht waren. Es fehlten – mit Ausnahme der Walachei, für die es eine „Topographische Karte” (4 Blätter, 1 : 576 000, Wien 1812) gab, nicht nur genauere topographische Kartenwerke, sondern vor allem auch geologische Aufnahmen (geologische Karten) und ethnographische Informationen ( ethnographische Karten).

Das Osmanische Reich, der damalige Nachbarstaat Österreichs (ab 1867 Österreich–Ungarns) war an einer Landesaufnahme nicht interessiert. 

Dieser Staat hatte insbesondere seit dem kriegerischen Konflikt mit Russland (Katharina II.) im Jahr 1768 einen ständigen Machtverfall erlebt.

Andererseits hatte die aufkommende „Balkanfrage” das allgemeine Interesse an topographischen und thematischen Karten dieser Region belebt und seit 1810 waren in Wien mehrere kleinmaßstäbige Übersichtskartenwerke von Teilen des Osmanischen Reiches erschienen.

Ähnliche Kartenwerke der europäischen Türkei gab seit 1830 auch der Russische topographische Dienst heraus.

Der große Russischtürkische Krieg 1853–1856 (Pariser Friede)rückte schließlich diesen Raum in das Zentrum allgemeinen und wissenschaftlichenInteresses.

In der Folge verstärkte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Einfluss der österreichischen staatlichen Kartographie auf der Balkanhalbinsel und Forschungsreisende wandten sich verstärkt diesem Raum zu.

Ab den 1860er Jahren war daher die geographische Erforschung Südosteuropas auch für Mitglieder der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien ein aktuelles Anliegen, da auch die damals bestehenden Handelsbeziehungen eine nähere Erforschung dieses Raumes topographisch, geologisch und ethnographisch nahe legten.

 Griechen1

Die ethnographische Karte von Ami Boué (1847)
Völker Tafel : Slaven (Serben, Bulgaren)Griechen,
Albaner,Walachen, Osmanen

 

Bis 1856 gab es im Wesentlichen einen bedeutenden Versuch, die Länder der Balkanhalbinsel wissenschaftlich zu erschließen.

Dieser stammte von Ami BOUÉ, dem Ehrenmitglied der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien. BOUÉ hatte in Genf, Edinburg, Berlin und Wien studiert und Reisen durch ganz Europa unternommen.

 

Er arbeitete als Geologe und Paläontologe und erstellte nicht nur eine geologische Karte von Siebenbürgen (um 1825) und eine erste kleine geologische Karte von Europa (1827), sondern seinen Arbeiten aus 1836/38 verdankt die Wissenschaft die ersten Einsichten in den geologischen Bau der Balkanhalbinsel, an die erst in den 1870er Jahren andere österreichische Forscher anknüpften.Sein 2-bändiges Werk über die europäische Türkei erschien 1889.

Von den Leistungen BOUÉs und einiger französischer Reisender abgesehen, waren die wissenschaftlichen Kenntnisse über den Raum zwischen Balkan und Donau bis 1860 zunächst aber dürftig.

 

In richtiger Erkenntnis der Bedeutung des Raumes wählte in der FolgeFelix KANITZ (1829–1904), ordentliches Mitglied der k.k. Geographischen Gesellschaft seit 1868, die nördliche Balkanhalbinsel zu seinem Reise- und Forschungsgebiet und widmete 16 Jahre (1859–1875) der geographischen Erforschung des europäischen Südostens (Serbiens, Donau-Bulgariens, teilweise auch Montenegros und der Herzegowina).Als Sohn wohlhabender Eltern hatte KANITZ eine gediegene Ausbildung in Zeich Er erwarb sich auf zahlreichen Reisen eine gründliche Kenntnis Serbiens und nahm dessen byzantinische Monumente als erster sorgfältig zeichnerisch auf. 

 


Anschließend wandte er sich Bulgarien zu. Durch seine Reisen und Arbeiten zwischen Balkan und Donau erfuhr die Kenntnis der Topographie des Raumes und ihre kartographische Darstellung ihre bedeutendsten Korrekturen.

 

Dank der Beherrschung der bulgarischen und der serbischen Sprache konnte er auch die Siedlungsgebiete dieser Völker beschreiben.

Seine Publikationen bezogen sich auch auf die ethnographischen und staatlichen Verhältnisse.

Griechen 2 


Die ethnographische Karte von Elisée Reclus (1876) by Lejean, Kanitz und de Czoernik.Völker Tafel : Slaven (Serb
ο-Croates, Bulgaren,Russes) Griechen,
Chkipelars 


Die Mittheilungen der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien” weisen zwischen 1863 und 1877 siebenAbhandlungen von Felix KANITZ aus, unter denen beispielsweise auch die Behandlung der Ortsnamen West- und Ostbulgariens auffällt.

Darüber hinaus konnte KANITZ durch seine genauen Ortskenntnisse, seinen kritischen Scharfsinn und seine künstlerische Qualifikation umfangreiche selbständige Werke über Serbien und Donau-Bulgarien schaffen, die für die Balkanforschung bis in jüngste Zeit wertvolle Quellen darstellen.

Fortschritte der geographischen und geologischen Erforschung der Dobrudscha erbrachte ferner die Reise von Karl PETERS, Universitätsprofessor in Graz und Mitglied der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien seit 1857, dessen geologische Karte „Dobrudscha” (1 : 420 000) 1867 in Wien erschien.

Eine besondere Periode der wissenschaftlichen Erforschung der südöstlichen Nachbarländer innerhalb der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien begann zweifellos im Jahr 1869, dem Jahr des beginnenden Bahnbaues im Osmanischen Reich.

Die Tatsache der Ernennung von W. PRESSEL, Mitglied der k.k. Geographischen Gesellschaft seit 1870, zumDirektor der osmanischen Bahnen und Eisenbahn-Bauten, erbrachte Voruntersuchungen im Gelände ab 1869, an denen sich auch der damalige Präsident der k.k. Geographischen Gesellschaft, der Geologe Ferdinand von HOCHSTETTER (1829–1884) durch eine dreimonatige Reise beteiligte.

 

Das Ergebnis war seine „Geologische Übersichtskarte des östlichen Teiles der europäischen Türkei” (1 : 1 Mio., Wien 1870), die erste geologische Karte dieses Raumes.

Auf Anregung der Geologen Ferdinand von HOCHSTETTER und Eduard SUESS genehmigte schließlich die kaiserliche Akademie der Wissenschaften ab 1875 namhafte Subventionen zur geologischen Erfassung der Balkanländer, die vor allem Mitglieder der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien bestritten.  Ebenfalls im Jahr 1869 konstituierte sich innerhalb der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien ein „orientalisches Komitee”, das sich die Aufgabe stellte, möglichst viele Materialien über die südöstlichen Nachbarländer zu sammeln und in den noch nicht ausreichend erforschten Gebieten wissenschaftliche Reisen zu veranlassen und zu unterstützen.Dieses Vorhaben fand rasch Förderung des Ministeriums des Äußeren, das in liberaler Weise die Konsular-Ämter in den Balkanstaaten einlud, diese Bestrebungen der k.k. Geographischen Gesellschaft in Wien zu unterstützen. Dies bewirkte bereits in den folgenden Jahren die Abfassung interessanter Reiseberichte und Studien durch Konsularbeamte.

Weiterlesen auf Quelle : Yauna Takabara

 

 

 

 

 

Comments